Warum ich heute keine Produkte mehr aus „Behindertenwerkstätten“ kaufe

Warum ich heute keine Produkte mehr aus „Behindertenwerkstätten“ kaufe

Als ich mit Antje & the soaps anfing, war ich überzeugt, etwas Gutes zu tun. Ich hatte Seifenschalen aus einer Berliner Behindertenwerkstatt gekauft – handgemacht, lokal, „sozial“. Es fühlte sich richtig an.
Ich dachte: Damit tue ich was Gutes. Ich unterstütze Menschen, die es auf dem normalen Arbeitsmarkt schwer haben. Win-win.
Aber ich hatte das System dahinter nicht hinterfragt.

Heute sehe ich das anders. Und ich möchte erklären, warum ich diese Entscheidung getroffen habe – und warum ich sie für überfällig halte.


Was sind eigentlich „Behindertenwerkstätten“?

In Deutschland gibt es über 700 sogenannte Behindertenwerkstätten. Dort arbeiten rund 320.000 Menschen mit einer als „Behinderung“ definierten Einschränkung. Diese Werkstätten sollen Teilhabe ermöglichen – aber sie sind nicht mit regulären Arbeitsplätzen vergleichbar:

  • Die Beschäftigten haben keinen Arbeitnehmerstatus

  • Sie verdienen oft nur 1–2 Euro pro Stunde

  • Sie haben kaum Mitbestimmungsrechte oder Chancen auf Weiterentwicklung

  • Und sie haben meist keine echte Wahl, ob sie dort arbeiten wollen – oder überhaupt anderswo dürfen


Das Wort allein ist schon ein Problem

Schon der Begriff „Behindertenwerkstatt“ grenzt aus.
Er reduziert Menschen auf ein Merkmal, eine Einschränkung, eine Zuschreibung.
Wir sagen ja auch nicht „Frauenwerkstatt“ oder „Migrantenbetrieb“ – warum also das?

Wenn wir wirklich Inklusion meinen, müssen wir bei der Sprache anfangen. Und bei der Struktur weitermachen.


Warum ich nicht mehr kaufe – obwohl ich an die Menschen glaube

Ich habe tolle Produkte bekommen. Und ich bin sicher, dass dort viele engagierte Menschen arbeiten – in und außerhalb der Werkstätten.
Aber das reicht nicht.

Ich kann nicht von Fairness und Nachhaltigkeit sprechen – und gleichzeitig ein System mittragen, das Menschen ausbeutet, unterbezahlt und ihnen echte Teilhabe verweigert.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten ganz selbstverständlich in den ersten Arbeitsmarkt integriert sind – mit fairer Bezahlung, Anerkennung und echten Chancen.


Was tun?

Ich bin keine Expertin. Aber ich bin Konsumentin. Und Unternehmerin.
Ich habe die Wahl, wem ich mein Geld gebe.

Deshalb:

  • Unterstütze ich kleine Manufakturen mit fairen Arbeitsbedingungen

  • Kaufe ich lieber weniger – dafür bewusst

  • Spreche ich offen über meine blinden Flecken

  • Und höre zu, wenn Betroffene ihre Perspektive teilen


Lasst uns bessere Begriffe finden. Und bessere Strukturen schaffen.

Ich weiß, dieser Text macht keine Werkstatt besser. Aber vielleicht hilft er, dass wir gemeinsam anfangen, genauer hinzuschauen.

Nicht alle Lösungen müssen sofort da sein. Aber wir müssen aufhören, schlechte Strukturen schönzureden, nur weil sie „gut gemeint“ sind.


PS:

Wenn du Organisationen kennst, die faire, inklusive Arbeitsplätze schaffen – schick mir gerne eine Nachricht. Ich unterstütze gern.

🖤 Antje

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